Geduld und Langfristigkeit

Einleitung

Ich hatte diese Idee schon lange:

Eine Fotoreihe über das Leben in kleinen Dörfern.
Nicht kitschig, nicht romantisch.
Eher still. Beobachtend.
Wie der Alltag sich zieht. Wie Menschen leben, wenn keiner hinschaut.

Ich begann in einem Ort mit 480 Einwohnern.
Ein Tante-Emma-Laden. Ein Wirtshaus. Ein Briefkasten, der nie geleert wirkte.
Ich fuhr hin, stellte mich auf den Platz – und wartete.
Eine Stunde. Zwei.
Ich machte drei Fotos. Keins davon gut.

Am Abend fuhr ich frustriert zurück.
Und dachte: Vielleicht funktioniert das nicht.
Vielleicht ist das zu langsam. Zu wenig visuell.

Aber etwas in mir blieb dran.
Ich kehrte zurück.
Nicht mit Druck – sondern mit Geduld.

Ich trank Kaffee mit der Ladenbesitzerin.
Ich half beim Aufräumen nach dem Dorffest.
Ich stand bei Regen unter einem Schirm und redete mit dem Metzger über Metzgereien früher.

Nach dem fünften Besuch zeigte ich meine Kamera –
und es war nicht mehr „jemand fotografiert“
sondern: „Ach, der gehört dazu.“

Und erst dann – erst dann – entstanden Bilder.
Nicht spektakulär.
Aber ehrlich.
Blicke, die nicht gestellt waren.
Momente, die einfach passierten.

Heute umfasst das Projekt über 30 Dörfer.
Es wächst langsam, wie ein Baum, der nicht weiß, wie hoch er werden darf.
Und jedes Bild trägt diese Langsamkeit in sich.
Diese Zeit.
Diese Geduld.

Leonardo arbeitete jahrelang an Studien.
Manche beendete er nie.
Manche blieben Skizzen.
Aber alle waren Teil seines Blicks –
nicht auf das Ergebnis,
sondern auf den Prozess.

Und genau das ist die Wahrheit über gute Fotografie:
Sie entsteht selten in Minuten.
Oft nicht in Tagen.
Manchmal nicht mal in Monaten.

Aber wenn du bleibst –
wenn du dir erlaubst, zu wiederholen, zu vertiefen,
zu warten –
dann wächst etwas.
Etwas, das Tiefe hat.
Weil es Zeit kennt.

15. Geduld und Langfristigkeit

Was Leonardo tat:
Er arbeitete jahrelang an einzelnen Projekten – Skizzen, Entwürfe, Studien.

Was du als Fotograf daraus ziehst:
Große Fotoprojekte brauchen Zeit. Serien, Bildbände, Projekte entstehen nicht an einem Tag.

Beispiel:
Du beginnst eine Fotoreihe über das Leben in kleinen Dörfern – und gibst dir (und deinen Bildern) Zeit, wirklich tiefer einzutauchen.