Lichtführung – Chiaroscuro (Hell-Dunkel)

Written by Eric P.
Einleitung
Ich hatte den Raum am Vortag besichtigt ….
Altbau, hohe Decken, Holzfußboden, ein einziges Fenster mit schweren Vorhängen.
Die Sonne stand tief, als ich ankam.
Es war still.
Kein Strom, kein Blitz, keine Hektik – nur Licht, das sich durch den Stoff drückte wie durch eine jahrhundertealte Erinnerung.
Das Model war vorbereitet, das Styling dunkel gehalten – bewusst schlicht.
Ich wollte keine Ablenkung.
Ich wollte, dass das Licht die Arbeit macht.
Also richtete ich nichts aus.
Ich stellte das Model einfach dorthin, wo der Lichtstrahl den Boden traf –
schräg, weich, nur angedeutet.
Und ich wartete.
Der Moment kam, als sie leicht den Kopf drehte,
der Schatten sich über das halbe Gesicht legte
und ihre Augen begannen zu leuchten wie eine Erinnerung an etwas,
das man nie ganz verstanden hat.
Ich drückte ab.
Nicht mehrfach.
Einmal.
Dann wieder warten.
Dieses Bild hatte nichts mit Technik zu tun.
Es war reduziert auf das, was zählt: Licht und Schatten.
Präsenz und Zurückhaltung.
Zeigen und Verbergen.
Ich erinnerte mich in diesem Moment an Leonardos Porträts –
an „Johannes der Täufer“,
dessen Gesicht halb aus dem Dunkel wächst.
Dessen Blick aus der Tiefe kommt.
Nicht laut – aber zwingend.
Leonardo hat mit Licht gemalt.
Er hat nicht „beleuchtet“,
sondern geführt.
Er hat entschieden, was sichtbar sein darf –
und was in den Schatten gehört,
damit das Bild atmet.
Ich glaube, das ist das Geheimnis guter Porträtfotografie:
nicht alles zu zeigen.
Nicht alles auszuleuchten.
Sondern Raum zu lassen für Tiefe, Dunkelheit, Fragezeichen.
Denn was das Licht nicht sagt,
erzählen die Schatten.
1. Lichtführung – Chiaroscuro (Hell-Dunkel)
Was Leonardo tat:
Leonardo nutzte Hell-Dunkel-Kontraste (Chiaroscuro), um Tiefe, Volumen und Stimmung zu erzeugen. Besonders in seinen Porträts sieht man, wie er mit Licht modelliert hat – ganz ohne künstliches Licht, nur mit Fensterlicht.
Was du als Fotograf daraus ziehst:
Porträtfotografie mit natürlichem Licht: Nutze Fenster wie ein Maler.
Low-Key-Sets: Leonardo zeigt, wie du mit Schatten genauso erzählen kannst wie mit Licht.
Beispiel:
Bei einem Editorial mit dunklem, geheimnisvollem Thema orientierst du dich an der Lichtführung in Leonardos „Johannes der Täufer“.
