Leonardo da Vinci, wichtig für die Fotografie?

Written by Eric P.
Einleitung
Leonardo da Vinci – allein sein Name weckt Bilder im Kopf.
Der Inbegriff des Universalgenies, getrieben von einem unstillbaren Wissensdurst, einem Forschergeist, der keine Disziplin scheute, und einem Blick, der tiefer sehen wollte als das Offensichtliche. Er war Anatom, Maler, Ingenieur, Architekt, Musiker und Philosoph in einer Person. Und ja, er war auch jemand, der sehen wollte, was andere übersahen. Genau das macht ihn zu einem Vorbild für uns – für dich – wenn du dich der Fotografie verschrieben hast. Denn der Fotograf, der nicht nur abbildet, sondern wirklich sieht, analysiert, gestaltet und hinterfragt, ist dem Leonardo-Geist näher, als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten würde.
Leonardo zeichnete, was er begriff – oder begreifen wollte. Und er begriff durch das Zeichnen. Linien wurden zu Gedanken, Formen zu Hypothesen. Und genau da beginnt die Verbindung: Fotografie kann genau dasselbe sein. Nicht bloßes Festhalten, sondern ein Mittel, um zu erkennen. Um zu erforschen, was Licht, Raum, Zeit, Perspektive, Ausdruck, Körper, Natur oder Technik wirklich sind. Die Kamera als Instrument, das nicht nur abbildet, sondern Einsichten schafft. Du drückst nicht einfach nur auf den Auslöser – du untersuchst, zerlegst, formulierst neu.
Leonardo war auch besessen von Technik. Er studierte Mechanik, konstruierte Flugapparate, analysierte Strömungen, erfand Maschinen, bevor sie überhaupt denkbar waren. Aber er tat das nie im luftleeren Raum. Technik war für ihn immer auch ein Schlüssel zur Natur. Ein Werkzeug, um dem Leben näherzukommen, nicht um sich davon zu entfernen. Genau so sollte ein Fotograf Technik verstehen: nicht als Selbstzweck, nicht als Pixelzählerei oder Objektivfetisch – sondern als Brücke zwischen Idee und Umsetzung. Als Helfer beim Sehen, beim Denken, beim Zeigen.
Was Leonardo ausmachte, war aber nicht nur sein Können, sondern seine Haltung. Eine Haltung, die geprägt war von staunender Neugier, von Zweifel, von der Bereitschaft, immer wieder zu lernen. Auch von sich selbst. Er wusste: Was ich heute sehe, kann morgen schon falsch sein. Oder unvollständig. Und genau deshalb muss ich weitergehen, weiterfragen, weitersehen. Diese Art des inneren Lernens, des nie zufriedenen Staunens, ist die vielleicht wichtigste Eigenschaft eines Fotografen, der wachsen will. Die Kamera lehrt dich nichts – aber sie zwingt dich, Fragen zu stellen. Wenn du dich ihr öffnest. Wenn du dich der Welt öffnest.
Leonardo glaubte an die Erfahrung. Aber auch an die Theorie. Er sezierte Leichen, weil er nicht glaubte, was in den Büchern stand. Und er schrieb Bücher, um seine Erfahrungen weiterzugeben. Theorie und Praxis – bei ihm war das kein Widerspruch. Sondern ein Kreislauf. Genau das brauchst du als Fotograf auch. Du musst ausprobieren, scheitern, neu denken. Du musst wissen, wie Licht funktioniert – und erleben, wie es sich anfühlt. Du musst lesen, reden, reflektieren. Aber auch tun. Nur wer beides verbindet – das Denken und das Machen – wird nicht zum Knipser, sondern zum Gestalter.
Manche sagen, Leonardo sei ein Genie gewesen, seiner Zeit voraus. Das ist sicher nicht falsch. Aber vielleicht war er einfach nur jemand, der radikal bei sich blieb. Der Fragen stellte, die andere nicht zu stellen wagten. Der hinschaute, wo andere wegsahen. Der keine Angst hatte, unwissend zu sein – solange er lernte. Und genau das ist eine der größten Stärken, die du dir aneignen kannst. Nicht alles wissen. Aber wissen wollen. Und den Mut haben, unterwegs zu bleiben. In Bildern. In Gedanken. In Entwicklung.
Fotografie ist kein Handwerk allein. Sie ist auch kein künstlerischer Selbstzweck. Sie ist eine Sprache. Eine Art, mit der Welt zu sprechen – und mit dir selbst. Und genau da liegt die Parallele zu Leonardo. Er sprach mit seinen Skizzen, mit seinen Modellen, mit seinen Visionen. Und er hörte zu: der Natur, den Menschen, den Körpern, dem Licht. Die Kamera ist dein Ohr und dein Mund zugleich. Sie lässt dich lauschen – und antworten. Wenn du das zulässt. Wenn du nicht aufhörst zu fragen, was ein Bild bedeuten kann. Und wie du dahin kommst.
Das heißt: Fotografie braucht Haltung. Kein erhobener Zeigefinger, sondern eine innere Richtung. Ein Warum. Ein Wozu. Leonardo arbeitete nie nur „für“ etwas – er arbeitete, weil er musste. Weil ihn die Dinge nicht losließen. Weil ihn das Unbekannte anzog wie ein Magnet. Genauso solltest du dir erlauben, von Themen angezogen zu werden. Nicht, weil sie „gut ankommen“. Sondern weil sie dich beschäftigen. Wirklich beschäftigen. So entstehen Bilder, die mehr sind als hübsch. Sie werden zu Zeugnissen deines Denkens. Deines Sehens. Deines Fragens.
Wenn du fotografierst, solltest du also nicht nur auf dein Motiv achten – sondern auch auf dich. Auf das, was du suchst, was du erkennen willst, was dich bewegt. Du bist nicht nur der, der schaut – du bist auch der, der wählt, wie er schaut. Perspektive ist nicht nur ein Begriff aus der Technik – sie ist deine Haltung zur Welt. Leonardo wusste das. Er erfand nicht nur die Zentralperspektive mit – er nutzte sie, um zu zeigen, was ihm wichtig war. Genau das kannst du auch tun. Nicht nur abbilden – sondern betonen, hinterfragen, interpretieren.
Vielleicht liegt darin das größte Geschenk, das Leonardo dir als Fotograf machen kann: die Erlaubnis, nie fertig zu sein. Nie „ausgelernt“. Sondern immer unterwegs. Zwischen Licht und Schatten, zwischen Neugier und Technik, zwischen Chaos und Idee. Das ist kein leichter Weg – aber ein spannender. Und einer, der dir erlaubt, über dich hinauszuwachsen. In jedem Bild. In jeder Serie. In jedem Moment, in dem du sagst: Ich weiß nicht, wie es geht – aber ich will es wissen.
Denn genau das tat Leonardo. Und genau das kannst du auch tun.
