Geduld

Written by Eric P.
Einleitung
Warum Fotografie oft bedeutet, zu warten – und warum genau dann Magie entsteht
In einer Welt voller Tempo, Eile und Sofort-Erwartung ist Geduld fast schon eine radikale Tugend geworden.
Und doch:
Fotografie lebt von Geduld.
Nicht jede Emotion springt sofort ins Bild.
Nicht jedes Licht steht auf Abruf bereit.
Nicht jeder perfekte Moment kündigt sich an.
Wer große Bilder machen will, muss lernen zu warten:
-
Auf das richtige Licht
-
Auf die richtige Geste
-
Auf den echten Ausdruck
Geduld ist nicht passives Abwarten.
Geduld ist aktives, aufmerksames, liebevolles Beobachten.
Und genau dort, im scheinbaren Leerlauf, entstehen oft die Bilder, die bleiben.
Geschichte: Der Tag, an dem der Himmel mein Lehrer wurde
Es war ein Landschaftsshooting an der Küste.
Geplant war, das Model im Licht der goldenen Stunde zu fotografieren – diese magische Zeit, wenn die Sonne den Horizont küsst und alles in warmes, schmeichelndes Licht taucht.
Aber an diesem Tag schoben sich dicke, schwere Wolken vor die Sonne.
Die Lichtstimmung: grau, flach, emotionslos.
Das Team wurde nervös.
Das Model fror.
Die Uhr tickte.
Alle Blicke wanderten zu mir: Was jetzt?
Ich hatte zwei Optionen:
-
Abbrechen und das Shooting als verloren abhaken
-
Oder bleiben. Warten. Hoffen.
Ich entschied mich zu bleiben.
Wir wickelten das Model in Decken, bauten ein kleines Lager, tranken heißen Tee.
Und während wir da saßen, begann sich der Himmel langsam zu verändern.
Erst ein feines Aufbrechen der Wolken.
Dann erste Lichtschlitze.
Dann – als wäre ein Schleier gefallen – ein spektakuläres Farbenspiel aus Orange, Violett und Rosa.
Ich sprang auf, riss die Kamera hoch.
Keine Zeit für große Umbauten – nur pure Reaktion.
Das Model stellte sich in den Wind, die Haare flogen, das Licht flutete ihr Gesicht.
Es waren vielleicht zwei Minuten.
Zwei Minuten, in denen Himmel, Licht und Mensch in absoluter Perfektion zusammentrafen.
Und nur, weil ich gewartet hatte,
hatte ich die Chance, diesen Moment überhaupt einzufangen.
Manchmal ist das größte Talent in der Fotografie nicht, perfekt zu planen –
sondern groß genug zu träumen, dass man es wagt, zu warten.
