70% des Fotojobs? Passieren VOR dem ersten Klick.

Einleitung

Wenn das Bild längst vor dem Klick entsteht

Du denkst vielleicht, ein Fotograf oder eine Fotografin packt einfach die Kamera ein, fährt zum Set, drückt ein paarmal ab – und voilà, das perfekte Bild ist im Kasten. Doch das wäre in etwa so, als würde man sagen, ein Konzert sei allein durch das Betreten der Bühne gelungen – ohne Probe, ohne Soundcheck, ohne Lampenfieber. In Wahrheit passiert das Entscheidende lange davor. Denn etwa 70 % der Arbeit eines professionellen Fotojobs finden nicht am Set statt, sondern in der intensiven Vorbereitung darauf. Und das betrifft weit mehr als nur das Zusammenpacken der Ausrüstung.

Eine gute Vorbereitung ist kein „Nice to have“, sie ist das Fundament. Sie ist der Ort, an dem sich Ideen formen, Lösungen entwickeln und mögliche Probleme bereits gedanklich durchgespielt werden. Sie ist der stille Kraftakt im Hintergrund, der dafür sorgt, dass am Tag des Shootings alles rundläuft – oder wenn es nicht rundläuft, dass man es trotzdem souverän auffängt. Diese 70 % fordern dich heraus: mental, physisch, technisch, organisatorisch – und manchmal sogar emotional. Sie sind der eigentliche Job.

Mentale Vorbereitung: Die Kunst des Vorausdenkens

Bevor das erste Licht aufgebaut oder der Auslöser gedrückt wird, beginnt die mentale Arbeit. Das heißt: Visionen entwickeln, kreative Konzepte durchdenken, Kundenwünsche erfassen und in machbare Ideen übersetzen. Es heißt, sich mit Bildsprachen auseinanderzusetzen, Referenzen zu sichten, Moodboards zu erstellen, Locations zu evaluieren – und nicht zuletzt: sich selbst zu fokussieren.

Denn jedes Projekt bringt seine eigenen Herausforderungen mit. Die mentale Vorbereitung bedeutet auch, sich innerlich auf unterschiedliche Menschen, Umgebungen und Eventualitäten einzustellen. Du bereitest dich darauf vor, eine Crew anzuleiten, mit einem nervösen Kunden empathisch umzugehen oder unter Zeitdruck klare Entscheidungen zu treffen. Und manchmal heißt mentale Vorbereitung schlichtweg: genug Schlaf, ein leerer Kopf und die Ruhe, um präsent zu sein, wenn es darauf ankommt.

Physische Vorbereitung: Organisation als Ausdauerdisziplin

So romantisch die Vorstellung vom „freien Künstlerleben“ sein mag – gute Fotografie ist oft körperlich fordernd. Locationscouting in der Mittagshitze, Schleppen schwerer Ausrüstung über mehrere Stockwerke, stundenlange Konzentration im Studio: Das alles verlangt körperliche Fitness und eine gewisse Grundausdauer. Aber auch Organisation gehört zur physischen Vorbereitung. Wer reist wann wohin? Welche Genehmigungen sind nötig? Sind alle Akkus geladen, alle Karten formatiert, jedes Kabel im Koffer?

Dieser Teil wird gerne unterschätzt – bis er schief geht. Ein vergessener Blitzakku, eine doppelt gebuchte Assistentin oder ein Lichtstativ, das nicht ins Handgepäck darf, können einen Job ins Wanken bringen. Deshalb ist ein strukturierter Ablaufplan Gold wert – selbst wenn er am Tag selbst wieder umgeworfen werden muss. Wer gut vorbereitet ist, hat Reserven: im Equipment, in der Zeit, in der Nervenstärke.

Technische Vorbereitung: Kontrolle schafft Freiheit

Kameras, Objektive, Lichter, Filter, Datenmanagement – technische Vorbereitung bedeutet nicht nur, das richtige Equipment auszuwählen, sondern es auch zu beherrschen. Und zwar nicht nur bei Sonnenschein und Studiobeleuchtung, sondern auch bei spontanen Wetterumschwüngen, wackligen Generatoren oder Motiven, die sich nicht an den Lichtplan halten.

Dazu gehört, vorab Tests zu machen: Wie reagiert das Licht auf der Haut des Models? Wie wirken die Farben in der geplanten Location? Welche Brennweite passt zur geplanten Bildsprache? In dieser Phase gilt: Wer vorher testet, erlebt am Set weniger böse Überraschungen. Du lernst, mögliche Probleme zu antizipieren – und dir kreative Freiräume zu schaffen. Denn technische Sicherheit bedeutet nicht Kontrolle um ihrer selbst willen, sondern die Freiheit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Moment.

Zwischenmenschliche Vorbereitung: Kommunikation ist alles

Ein weiterer zentraler Teil der Vorbereitung betrifft die Kommunikation – mit Kund:innen, Teammitgliedern, Models oder externen Dienstleistern. Wer hier frühzeitig und klar kommuniziert, schafft Vertrauen. Wer zuhört, versteht oft mehr als derjenige, der nur plant. Gerade in der Fotografie, die oft unter Zeitdruck und mit vielen Beteiligten stattfindet, ist eine gute Vorbereitung im Miteinander entscheidend.

Das beginnt bei der Vorbesprechung, geht über Verträge und Abläufe bis hin zur Absprache von Erwartungen und Zielen. Wer weiß, was der Kunde wirklich braucht – nicht nur, was er glaubt zu wollen –, kann gezielter arbeiten und Missverständnisse vermeiden. Gute Vorbereitung bedeutet hier auch: zuhören, interpretieren, beraten – und realistisch einschätzen, was umsetzbar ist.

Der mentale Transfer: Vom Denken ins Tun

All diese Aspekte – die Planung, die Technik, die Organisation, das Zwischenmenschliche – führen zu einem Punkt: dem Moment, in dem du als Fotograf:in die Kamera in die Hand nimmst. Und plötzlich wird dir bewusst: Der Klick ist nur der sichtbare Abschluss einer langen, oft unsichtbaren Kette von Entscheidungen, Überlegungen und Vorbereitungen. Wenn dieser Moment leicht aussieht, dann nur, weil die schwere Arbeit längst erledigt ist.

Und genau das ist die eigentliche Kunst: durch gründliche Vorbereitung den Raum für Spontaneität zu schaffen. Denn wenn alles vorbereitet ist, kannst du improvisieren. Wenn du deine Technik im Griff hast, kannst du dich auf den Menschen vor der Kamera konzentrieren. Wenn du mental ruhig bist, kannst du kreative Risiken eingehen. Die 70 %, die du vor dem Shooting leistest, ermöglichen dir, die letzten 30 % mit Leichtigkeit und Fokus zu meistern.