Das zweite oder dritte Model sitzt wartend herum

Written by Eric P.
Einleitung
Wenn Warten zur Stimmungskiller wird – und du als Fotograf entscheidest, ob Magie trotzdem entstehen kann
Es ist einer dieser ruhigen, gefährlichen Momente am Set.
Das erste Model wird noch gestylt, die Make-up-Artistin zupft an den letzten Strähnen.
Das Licht ist vorbereitet. Die Kamera wartet. Du wartest. Alle warten.
Und da drüben – auf einem Hocker in der Ecke – sitzt das zweite Model.
Handy in der Hand. Blick ins Leere.
Die Körpersprache sagt: „Ich bin gerade unwichtig.“
Genau hier, in diesem scheinbar nebensächlichen Moment, passiert etwas Unsichtbares – aber Entscheidendes:
Energie geht verloren.
Verbindung geht verloren.
Vorfreude wird zu Langeweile.
Präsenz wird zu innerem Rückzug.
Und das Schlimmste daran?
Wenn du jetzt nichts tust, wird genau diese Energie später in deinen Bildern sichtbar sein.
Ob du willst oder nicht.
Warum diese Phase so heikel ist
Warten fühlt sich für viele Models nicht wie „kurze Pause“ an.
Es fühlt sich an wie: „Ich bin nicht mehr im Fokus.“
Und Menschen – egal ob Anfänger oder Profi – brauchen dieses Grundgefühl von Bedeutsamkeit, um gut performen zu können.
Warten ohne Ansprache erzeugt innere Zweifel:
- „Bin ich gut genug?“
- „Mögen die mich überhaupt?“
- „Was, wenn ich hier eh nur Ersatz bin?“
Selbstbewusstsein schrumpft leise.
Und wer schon mal versucht hat, ein verunsichertes Model locker, kraftvoll und leuchtend zu fotografieren, weiß: Das geht nur mit viel Mühe – wenn überhaupt.
Warten ist nicht neutral.
Warten ist aktiv – und zwar in eine Richtung, die du steuern musst.
Was passiert, wenn du nichts tust
Nichts sagen ist auch eine Antwort.
Wenn du als Fotograf jetzt nicht bewusst eingreifst, sendest du eine Botschaft:
„Deine Präsenz ist gerade nicht wichtig.“
Und was macht ein Mensch, der sich unwichtig fühlt?
Er zieht sich zurück.
Er wird defensiv.
Er nimmt sich selbst aus dem Moment heraus.
Dein Set wird leiser.
Dein Model wird „funktionieren“, aber nicht „strahlen“.
Dein Bild wird technisch korrekt – aber emotional flach.
Und du verlierst die wichtigste Ressource, die ein Shooting haben kann: Echte, lebendige Energie.
Storytelling: Eine Szene aus der Praxis
Einmal – ich erinnere mich noch genau – hatte ich ein Shooting für eine große Fashionkampagne.
Zwei Models.
Drei Sets.
Ein hektischer Kunde.
Das erste Model, ein erfahrener Name aus Paris, stand mitten im Styling.
Das zweite Model – neu, jung, ein bisschen schüchtern – saß in einer Ecke, wartete.
Anfangs noch aufrecht.
Dann leicht zusammengesackt.
Dann: auf Instagram versunken.
Ich habe es gesehen. Ich habe es gespürt.
Und ich habe, ehrlich gesagt, 10 Minuten zu lange nichts gemacht.
Als sie schließlich dran war, war sie … nicht mehr da.
Körperlich schon.
Aber mental?
Nur auf Autopilot.
Kein Funkeln, keine echte Präsenz.
Die Bilder waren gut – aber nicht großartig.
Und ich wusste: Ich hätte es verhindern können.
Heute?
Heute lasse ich es gar nicht erst so weit kommen.
Gossip als Werkzeug – richtig eingesetzt
Genau in solchen Momenten kommt Smalltalk ins Spiel.
Und ja, ich rede bewusst von Gossip – von diesen scheinbar oberflächlichen, leichten Themen, die in Wirklichkeit eine tiefere Wirkung haben.
Ein Beispiel:
„Habt ihr das neue Shooting von XYZ für Vogue gesehen? Sie haben echte Flamingos eingesetzt – total verrückt, aber die Bilder sind irre!“
Was passiert dadurch?
- Du bringst ein Thema rein, das kreativ ist.
- Du gibst dem wartenden Model ein Bild, eine Assoziation, eine Emotion.
- Du sagst unterschwellig: „Du bist Teil dieser Welt.“
Und plötzlich sitzt sie nicht mehr da als passiver Gast.
Sie sitzt da als Künstlerin.
Als Mitspielerin.
Ihre Haltung verändert sich.
Ihr Blick wird wacher.
Ihre Energie beginnt wieder zu fließen.
Fehler, die du vermeiden solltest
- Ignorieren
Das schlimmste Signal: gar nichts tun. - Nur technische Anweisungen geben
„Bleib bereit“ ist kein motivierender Satz. Es ist ein Bremsklotz. - Überfordern
Jetzt keine tiefen psychologischen Gespräche anfangen.
Es geht nicht um schwere Themen – es geht um Leichtigkeit.
Taktiken und Tipps – was du konkret tun kannst
- Sei der Animateur, nicht der Kontrolleur.
Bring Themen ins Spiel, die locker sind – Mode, Reisen, Musik, aktuelle Kampagnen. - Hole alle ins Gespräch.
Sprich nicht nur das Model an, sondern das ganze Team. Dadurch entsteht ein Fluss. - Nutze Humor.
Lachen ist der schnellste Weg, Energie zurückzuholen. - Bleib authentisch.
Kein erzwungener Smalltalk. Erzähle Dinge, die dich selbst faszinieren oder amüsieren.
Wie du mit verschiedenen Typen von Models umgehst
Schüchterne Models
Frag nach Lieblingsshootings, Vorbildern, Träumen.
Erfahrene Models
Sprich über Branchen-News, Shows, neue Trends.
Unsichere Models
Mach kleine Komplimente: „Dein Profil wirkt hammer im Licht.“
Überdrehte Models
Hol sie mit ruhiger, fokussierter Energie zurück.
Mini-Workbook: Fragen, die du dir stellen kannst
- Wie fühlt sich das Model gerade?
- Welche Energie braucht das Set jetzt?
- Wie kann ich Gesprächsimpulse geben, die Leichtigkeit erzeugen?
- Welche kleine Geschichte kann ich erzählen, die Kreativität freisetzt?
Abschluss – Was du daraus lernst
Warten ist nicht Pause.
Warten ist ein aktiver Zustand.
Wenn du ihn nicht bewusst füllst, füllt er sich von selbst – und meistens nicht zu deinem Vorteil.
Du bist als Fotograf nicht nur Techniker.
Du bist Stimmungsmanager.
Du bist Raumhalter.
Du bist Animateur der Energie.
Und wenn du lernst, genau diese wartenden Sekunden mit kleinen Gesten, mit leichtem Gossip, mit Humor und Herz zu füllen –
dann entstehen aus toten Momenten lebendige, kraftvolle Bilder.
Nicht trotz des Wartens.
Sondern genau deswegen.
