Haare & Make-up –Tratschzeit ist Vertrauenszeit

Einleitung

Wenn der Pinsel zur Brücke wird – warum Smalltalk in der Styling-Phase Gold wert ist

Am Anfang eines Shootings passiert etwas Unsichtbares – etwas, das viel entscheidender ist als Licht, Blende oder Objektiv.
Während die ersten Pinselstriche gesetzt werden, während die Visagistin Haarsträhne für Haarsträhne in Position bringt, entsteht eine Atmosphäre.
Eine Stimmung.
Ein unsichtbarer Vertrag darüber, wie der Tag verlaufen wird.

In dieser Phase werden Models nicht nur geschminkt. Sie werden emotional eingestimmt.
Und genau hier kommt dein wichtigstes, oft unterschätztes Werkzeug ins Spiel: Smalltalk. Gossip. Leichte Gespräche.

Wenn du in dieser Styling-Phase richtig agierst, kannst du Vertrauen aufbauen, Unsicherheiten abbauen – und die Grundlage legen für ein Shooting voller Energie, Mut und Leichtigkeit.

Wenn du es verpasst, verläuft der Tag womöglich zäh, nervös oder steril.
Und das Beste daran:

Es braucht keine komplizierten Techniken.
Es braucht keine großen Reden.
Es braucht nur ein bisschen Menschenkenntnis – und die Bereitschaft, einen Raum für gute Stimmung zu schaffen.

Warum die Styling-Phase entscheidend ist

Models sind in der Phase von Haare & Make-up verletzlich.
Es ist ein Moment des Übergangs:

  • Vom privaten Ich zur öffentlichen Figur
  • Vom entspannten Sein zur bewussten Inszenierung
  • Von Unsichtbarkeit ins Rampenlicht

In dieser halboffenen, halbfertigen Zwischenwelt sind Models besonders sensibel:
für Blicke, für Worte, für die Stimmung um sie herum.

Was jetzt passiert, prägt den gesamten Shootingtag.

Wenn das Model sich hier sicher fühlt, wächst sein Selbstbewusstsein.
Wenn es sich hier bewertet fühlt, wird es später vor der Kamera defensiv sein.

Die Styling-Phase ist nicht Vorbereitung. Sie ist Teil des Shootings.

Nur dass du hier nicht mit Kamera und Licht arbeitest – sondern mit Atmosphäre und Emotion.

Was passiert, wenn du schweigst

Viele Fotografen denken:
„Ich halte mich in der Styling-Phase zurück, damit ich nicht störe.“

Gute Idee – schlechte Wirkung.

Denn Schweigen wird selten als „Rücksicht“ empfunden.
Schweigen wird oft als Desinteresse interpretiert.

Und Desinteresse tut weh.

Ein Model, das sich während Make-up und Haarstyling unbeachtet fühlt, fängt an zu zweifeln:

  • „Bin ich überhaupt wichtig?“
  • „Sind sie zufrieden mit mir?“
  • „Warum ist die Stimmung so kalt?“

Und diese Zweifel gehen später mit aufs Bild.
Immer.

Storytelling: Eine Szene aus dem echten Set-Leben

Es war ein Editorial-Shooting für ein High-End-Fashionmagazin.
Die Visagistin war eine Koryphäe, das Model ein vielversprechendes New Face.
Alles lief technisch perfekt.

Und trotzdem:

Die Luft war dünn.
Kein Lächeln.
Keine Gespräche.

Nur das Surren des Haartrockners und das gelegentliche Klacken von Lippenpinseln.

Ich stand daneben, in respektvoller Distanz, wie ich dachte.
Und spürte, wie die Stimmung kippte.

Also machte ich etwas scheinbar Banales.

Ich warf locker ein:

„Habt ihr das neue Shooting von Zendaya gesehen? Die Lookwechsel – Wahnsinn! Und sie hatte in jedem Outfit diese Ausstrahlung…“

Die Visagistin hob den Blick. Lächelte.
Das Model kicherte und sagte:

„Ich liebe Zendaya! Ich hab letztens versucht, ihren roten Teppich-Look nachzumachen.“

Plötzlich war die Atmosphäre eine andere.
Wärmer.
Leichter.
Verbunden.

Und das Model?
Stand später vor meiner Kamera mit genau der Mischung aus Stärke und Verspieltheit, die wir gebraucht hatten.

Gossip als Werkzeug – nicht als Zeitverschwendung

Wenn du denkst, Gossip sei nur „sinnloses Gequatsche“, dann unterschätzt du seine Macht.

Gossip ist sozialer Klebstoff.

  • Er schafft gemeinsame Bilder.
  • Er baut emotionale Brücken.
  • Er setzt Themen, die leicht und verbindend sind.

     

In der Styling-Phase geht es nicht darum, tiefgründige Gespräche über Weltpolitik zu führen.
Es geht darum, eine emotionale Grundstimmung zu erzeugen, die sagt:

„Hier bist du willkommen. Hier kannst du leuchten.“

Und dafür sind kleine Geschichten über Promis, Modetrends oder virale TikTok-Momente oft das perfekte Werkzeug.

Typische Themen, die immer funktionieren

Hier ein paar Gossip-Themen, die du jederzeit locker einstreuen kannst:

  • Neue Kampagnen großer Marken („Habt ihr die neue Chanel-Kampagne gesehen?“)
  • Unglaubliche Red-Carpet-Looks („Hast du den letzten Met-Gala-Auftritt von XYZ gesehen?“)
  • Lustige Pannen bei Fashion-Shows („Bei der letzten Show in Mailand ist ein Model mit High Heels gestolpert – und hat’s mit so viel Würde gerettet!“)
  • Stylingtrends („Wusstet ihr, dass jetzt wieder ultra-hohe Schulterpolster kommen?“)

Wichtig:
Halte es positiv, bewundernd, locker.
Gossip soll Energie heben – nicht runterziehen.

Fehler, die du vermeiden solltest

1. Lästern über Kollegen oder Ex-Produktionen
Das schafft Misstrauen – und Models fragen sich: „Reden sie nachher auch über mich?“

2. Zu private Themen ansprechen
Familie, Beziehungsstatus oder Körperthemen sind tabu.

3. Überkomplizierte Modekritik
Niemand möchte in der Styling-Phase über die Dekonstruktion der Postmoderne in der Haute Couture diskutieren. Keep it light!

Taktiken und konkrete Tipps

1. Komme in Bewegung
Setze dich kurz zum Styling-Bereich, lehne locker am Tisch, sei auf Augenhöhe.

2. Stelle offene Fragen
„Was war dein Lieblingsshooting bisher?“ oder „Was würdest du gerne mal shooten, wenn du alles frei wählen könntest?“

3. Teile kleine eigene Erlebnisse
Das macht dich menschlich. Und gibt den anderen die Erlaubnis, auch locker zu erzählen.

4. Lobe zwischendurch ehrlich
Ein kleines „Wow, der Look wird Hammer!“ wirkt Wunder.

Mini-Workbook: Fragen für deinen Werkzeugkoffer

  • Was ist heute das emotionale Ziel des Shootings?
  • Was braucht mein Model jetzt mehr: Energie oder Ruhe?
  • Welche kleine Story oder Frage könnte jetzt das Eis brechen?
  • Wo kann ich echten Enthusiasmus zeigen?

Fazit: Vertrauen wird geschminkt

Haare und Make-up sind mehr als Styling.
Sie sind ein Ritual.
Ein Übergang.

Und du als Fotograf kannst entscheiden, ob dieser Übergang von Unsicherheit oder von Vorfreude geprägt ist.

Smalltalk ist dein Schlüssel:
Kein belangloses Gerede – sondern ein bewusst gesetzter Impuls.

Wenn du lernst, die Styling-Phase als aktiven Teil deiner Shooting-Strategie zu begreifen, wirst du merken:

  • Die Models sind entspannter.
  • Das Styling-Team fühlt sich eingebunden.
  • Die Bilder strahlen mehr Leben und Leichtigkeit aus.

Du wirst nicht nur bessere Fotos machen.
Du wirst bessere Shootings gestalten.

Und genau das ist der Unterschied zwischen einem Fotografen, der einfach Bilder produziert – und einem Fotografen, der Erinnerungen schafft.