Travel light vs. Full Gear – wann minimal, wann maximal reisen

Einleitung

Zwei Philosophien, ein Ziel

Jede:r Fotograf:in kennt diese innere Zerrissenheit. Einerseits der Traum, mit einer kleinen Tasche loszuziehen: Kamera, Lieblingsobjektiv, fertig. Leicht, frei, spontan. Andererseits das beruhigende Gefühl, für alles gewappnet zu sein: mehrere Kameras, Lichter, Stative, Cases voller Zubehör.

„Travel light“ oder „Full Gear“ – das ist nicht nur eine logistische Frage, sondern eine Frage von Haltung, Stil und Strategie.

Dieses Kapitel zeigt dir, wie du beide Philosophien verstehst, wann welche sinnvoll ist und wie du die Balance findest, die dir am meisten Freiheit gibt.

1. Was bedeutet „Travel light“ wirklich?

„Travel light“ heißt nicht: unvorbereitet. Es heißt: bewusst reduzieren.

  • Nur das Nötigste dabei.

  • Fokus auf Flexibilität statt auf Perfektion.

  • Vertrauen auf Improvisation und Skills.

Vorteile:

  • Leichte Anreise.

  • Schnelle Beweglichkeit.

  • Weniger Stress bei Zoll und Transport.

Aber: Du bist eingeschränkt. Du musst kreativ mit dem arbeiten, was du hast.

2. Was bedeutet „Full Gear“?

„Full Gear“ heißt: Alles dabei, was du brauchst – und was du vielleicht brauchen könntest.

  • Mehr Kameras, mehr Objektive, mehr Licht.

  • Backup für alles.

  • Maximale Sicherheit.

Vorteile:

  • Du kannst jede Anforderung erfüllen.

  • Keine Angst vor Ausfall.

  • Große Projekte professionell abgedeckt.

Aber:

  • Schwer, unflexibel.

  • Teurer Transport.

  • Stressiger Aufbau.

3. Die Psychologie der Entscheidung

  • „Travel light“ verlangt Selbstvertrauen: Du verlässt dich auf dich, nicht auf Gear.

  • „Full Gear“ verlangt Verantwortung: Du trägst die Last für maximale Sicherheit.

Beides ist kein Zeichen von Professionalität oder Amateurhaftigkeit – es ist eine Frage des Projekts.

4. Projektabhängige Faktoren

a) Editorial / Street

→ Travel light: 1 Kamera, 1–2 Objektive, leichte Tools.

b) Werbekampagne

→ Full Gear: große Licht-Setups, Backups, Crew.

c) Dokumentarisch / Reportage

→ Travel light: mobil, unauffällig, flexibel.

d) Studio- oder Setproduktionen

→ Full Gear: Kunden erwarten Vielfalt und Sicherheit.

5. Logistik als Entscheidungsfaktor

  • Flugreise: Weniger ist besser – Gepäckrestriktionen, Zoll.

  • Auto: Full Gear möglich – Platz vorhanden.

  • Bahn: Zwischenlösung – nicht zu viel, aber genug.

6. Energie-Faktor

  • „Travel light“ = weniger körperliche Last, mehr Energie für Kreativität.

  • „Full Gear“ = schwerer, aber Sicherheit reduziert mentalen Stress.

Deine Energie bestimmt, ob du dich frei fühlst oder erdrückt.

7. Kreativität durch Reduktion

Viele Fotograf:innen berichten: Mit weniger Equipment entstehen bessere Bilder. Warum?

  • Du konzentrierst dich aufs Motiv, nicht auf Optionen.

  • Du wirst gezwungen, Entscheidungen zu treffen.

  • Du entwickelst einen klareren Stil.

„Travel light“ kann also ein bewusstes Kreativ-Tool sein.

8. Sicherheit durch Fülle

Auf großen Sets ist „Full Gear“ nicht Option, sondern Pflicht. Kunden erwarten:

  • Backup-Kameras.

  • Unterschiedliche Objektiv-Looks.

  • Flexibilität bei plötzlichen Ideen.

Hier wäre „Travel light“ unprofessionell.

9. Storys aus der Praxis

a) Das Fashion-Shooting in Marrakesch

Mit kleinem Setup gereist: 1 Kamera, 2 Festbrennweiten. Ergebnis: intime, authentische Bilder – Kunde begeistert.

b) Das Automobil-Shooting in München

Full Gear nötig: Lichtanlagen, Generatoren, Stative. Ergebnis: komplexe, perfekt ausgeleuchtete Kampagne.

c) Der Dokumentarfilm in Südamerika

Mit Travel light gereist: Rucksack, Kamera, Drohne. Ergebnis: Spontane Zugänge, ungestellte Szenen.

10. Entscheidungsfragen – dein persönlicher Kompass

  • Wie wichtig ist Flexibilität vs. Sicherheit?

  • Wie groß ist das Projekt?

  • Wie viele Ressourcen stehen zur Verfügung?

  • Was ist das Risiko, wenn Technik ausfällt?

Stelle diese Fragen vor jeder Reise – sie geben dir die Antwort.

11. Kundenkommunikation

Deine Wahl beeinflusst, wie Kunden dich sehen.

  • „Travel light“ wirkt smart, agil, kreativ.

  • „Full Gear“ wirkt solide, verlässlich, professionell.

Merke: Du musst die Entscheidung nicht rechtfertigen, aber erklären können.

12. Hybrid-Strategien

Viele Profis nutzen Mischformen:

  • „Travel light“ für Pre-Shoots, Scouting, Moodbilder.

  • „Full Gear“ für den eigentlichen Kampagnentag.

So kombinierst du Flexibilität mit Sicherheit.

13. Crew-Faktor

Je mehr Gear, desto mehr Crew.

  • Travel light: 1–2 Personen reichen.

  • Full Gear: Assistent:innen, Techniker:innen, Runner nötig.

Deine Entscheidung beeinflusst also nicht nur Technik, sondern auch Teamstruktur.

14. Nachhaltigkeit

„Travel light“ = weniger Gewicht, weniger Flüge, kleinere Fußabdrücke.
„Full Gear“ = mehr Transport, mehr Cases, mehr CO₂.

Immer mehr Kunden achten darauf – auch das ist Teil deiner Entscheidung.

15. Fazit: Balance finden

Am Ende geht es nicht um „entweder – oder“. Es geht um bewusste Entscheidungen.

  • Travel light für Freiheit, Kreativität, Spontaneität.

  • Full Gear für Sicherheit, Professionalität, große Produktionen.

Deine Aufgabe: den richtigen Modus wählen – für dich, für dein Team, für deine Kunden.

Denn am Ende zählt nicht, wie viel du dabei hast – sondern wie sehr dein Equipment dich unterstützt, statt dich zu behindern.