Das Lehrteam beim freien Projekt

Written by Eric P.
Einleitung
„Fünf Köpfe, eine Stadt – und die beste Idee kam von Nico“
Ich wollte mal wieder was Eigenes machen.
Nicht für einen Kunden, nicht fürs Portfolio, nicht fürs Ego – sondern weil ich einen Satz nicht mehr aus dem Kopf bekam:
„Wie sehen Jugendliche ihre Stadt – wenn niemand ihnen sagt, wie sie sie sehen sollen?“
Ein freies Langzeitprojekt. Titel: „Jung in der Stadt“.
Idee: Jugendliche mit Kamera durch ihre Viertel begleiten. Nicht inszenieren. Nicht erklären. Nur begleiten.
Ich hatte alles vorbereitet: Konzept, Moodboard, mögliche Bildstile. Ich wusste, welche Ästhetik ich wollte – rough, direkt, echt.
Aber ich hatte keine Protagonist:innen. Keine Gesichter. Keine jungen Menschen, die mitmachen würden.
Casting über Social Media? Schwierig. Ich wollte nicht Models, ich wollte echte Stimmen.
Dann fiel mir Tom ein. Gymnasiallehrer, 11. Klasse, Fächer: Kunst & Deutsch. Wir kannten uns über einen gemeinsamen Freundeskreis. Ich schrieb ihm spontan:
„Hey, Tom – ich plane ein Fotoprojekt über Jugend in der Stadt. Hättest du fünf neugierige Schüler:innen, die Lust hätten, mitzumachen? Keine Bezahlung, aber echte Beteiligung.“
Er antwortete zwei Minuten später:
„Klar. Du kommst Donnerstag in den Unterricht und pitchst das. Die mitmachen wollen, machen mit.“
Und da stand ich – zwei Tage später – vor 25 Jugendlichen mit Hoodies, Skepsis und Handys.
Ich erzählte von der Idee. Von den Bildern, die entstehen sollten. Von der Freiheit. Und: dass es keine klassische „Kameraführung“ gäbe. Dass ihre Perspektive zählt.
Fünf meldeten sich.
Nico, Leila, Yasmin, Dario und Ipek.
Keine Fotografie-Erfahrung, aber alle mit offenen Augen. Und Haltung.
Die erste Woche: Ich zeigte ihnen, wie man mit Licht denkt. Wie man Räume beobachtet. Wie man eine Geschichte nicht nur sieht – sondern spürt.
Wir machten keine Technik-Sessions. Wir liefen. Redeten. Fotografierten.
Und dann kam der Moment, der alles veränderte.
Nico – der stillste von allen – zeigte mir ein Bild, das er morgens auf dem Schulweg gemacht hatte:
Ein Mann in einem Rollstuhl, vor einer bunten Graffitiwand, unter einem Schild: „Wohnen für alle!“
Ich fragte:
„Warum hast du das fotografiert?“
Er zuckte mit den Schultern und sagte:
„Weil’s irgendwie nicht zusammengepasst hat. Und genau deshalb irgendwie schon.“
Da wusste ich: Das ist der Moment, wo ein Projekt zu leben beginnt.
Wir trafen uns in den folgenden Wochen regelmäßig – samstags in einem Café, das zum „Basecamp“ wurde. Jeder brachte Bilder, Skizzen, Geschichten mit.
Die Schüler:innen begannen, ihre Stadt anders zu sehen. Ich auch. Nicht mehr nur durch meine Linse – sondern durch ihre Fragen.
Leila fotografierte Busfahrer:innen. Immer nur Hände.
Yasmin konzentrierte sich auf Wartehäuschen: „Das sind die Bühnen für unsere kleinen Pausen im Leben.“
Dario machte Portraits mit geschlossenen Augen – „weil man manchmal mehr sieht, wenn man nicht schaut.“
Und ich?
Ich wurde Regisseur und Zuhörer zugleich. Ich begleitete, lenkte, fragte – aber ich griff nicht ein.
Nach drei Monaten standen wir in einem leerstehenden Ladenlokal mit Hängeseilen, einer Druckerei für die Bilder und einer Bluetooth-Box, aus der Lo-Fi-Beats kamen.
Unsere Ausstellung war kein Event – sie war ein Statement.
Die Jugendlichen standen neben ihren Bildern und erklärten sie.
Ein Lehrer blieb zehn Minuten bei Nicos Bild stehen. Eine Journalistin aus der Lokalredaktion fragte, ob sie über die Gruppe schreiben dürfe.
Und als Tom – der Lehrer – am Abend leise zu mir sagte:
„Weißt du, ich glaube, das war für sie mehr Schule als der ganze letzte Monat.“
… da wusste ich: Das war mehr als ein Fotoprojekt.
Warum es funktioniert:
Diese Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn man sein Netzwerk nicht nur „nutzt“, sondern lebt.
Ich hatte keine Models – aber ich hatte einen Freund, der Türen öffnete.
Ich hatte keine Produktionsfirma – aber ich hatte Vertrauen, Energie und Menschen, die ihre Stadt zeigen wollten.
Und ich hatte nicht alles geplant – aber ich war bereit, mich führen zu lassen.
In der Fotografie ist das oft der Unterschied: Nicht das Equipment, nicht das Briefing, nicht das Budget – sondern das Bauchgefühl für Menschen.
Und die Fähigkeit, in Allianzen zu denken: Lehrer:innen, Schüler:innen, Freunde, Eltern, Kreative.
Am Ende wurde „Jung in der Stadt“ nicht nur ein Fotoprojekt. Es wurde ein Netzwerkprojekt. Ein Resonanzraum.
Und ein Beweis dafür, dass echte Geschichten nur entstehen, wenn man echte Menschen einlädt, mitzuerzählen.
