Beobachten statt urteilen

Einleitung

Es war ein Street-Shooting in einer fremden Stadt. 

Ich war früh losgegangen, noch vor dem Berufsverkehr, als alles noch etwas langsamer wirkte – selbst die Passanten.
Ich hatte keine klare Idee. Kein festes Motiv.
Nur ein Gefühl.

Also stellte ich mich an eine Straßenecke, nahm die Kamera hoch – und… tat nichts. Ich drückte nicht ab.
Ich wartete.
Und beobachtete.

Zunächst kam das übliche Chaos: Ein Lieferant, der in zweiter Reihe parkte. Eine Mutter, die mit ihrem Kind diskutierte. Ein Jogger mit übertrieben ehrgeizigem Blick.
Nichts davon war „das Bild“.
Aber ich blieb.
Still.

Die meisten Fotograf:innen wären nach fünf Minuten weitergegangen.
Ich nicht.

Ich beobachtete, wie sich das Licht langsam die Häuserfassaden hocharbeitete. Wie Schatten sich verzogen. Wie die Stimmung sich änderte.
Ich sah Bewegungen, Wiederholungen, Rhythmen.

Nach etwa 20 Minuten trat ein älterer Herr auf die Straße.
Langsam.
Mit einem Spazierstock, einem alten Anzug, Kappe tief ins Gesicht gezogen.
Und direkt neben ihm: eine Spiegelung in der Fensterscheibe eines Cafés.
Fast eine doppelte Version seiner selbst.

Ich hob die Kamera. Wartete.
Er drehte sich leicht – und in diesem Moment spiegelte sich das Licht an der Scheibe, er stand für einen Sekundenbruchteil wie auf einer Bühne –
und ich drückte ab.

Klick.

Das Bild wurde später Teil einer Ausstellung.
Die Kuratorin sagte:
„Es ist, als würde er gleichzeitig in zwei Welten stehen.“

Was sie nicht wusste:
Ich habe 27 Minuten gewartet.
Und nicht geurteilt. Nicht gesucht. Nur gesehen.

Leonardo hat Vögel beobachtet. Rauch. Wasser. Nicht, um etwas zu bewerten – sondern um zu verstehen.
Und das ist vielleicht die wichtigste fotografische Tugend:
Nicht sofort etwas daraus machen wollen.
Erst mal: sehen.
Ohne Filter. Ohne Meinung.

Denn manchmal entsteht das Bild nicht in der Kamera.
Sondern im Kopf – lange bevor du auslöst.

8. Beobachten statt urteilen

Was Leonardo tat:
Leonardo beobachtete alles – Wasserläufe, Flugbahnen von Vögeln, die Bewegung von Rauch – ohne sofort zu bewerten.

Was du als Fotograf daraus ziehst:
Geduldiges Sehen: Du bewertest nicht sofort, sondern beobachtest, fühlst, wartest auf den entscheidenden Moment.

Beispiel:
Beim Street-Shooting bleibst du ruhig an einer Straßenecke stehen, beobachtest – und wartest auf die eine perfekte Szene zwischen Licht, Mensch und Bewegung.