Komposition & Goldener Schnitt

Einleitung

Es war ein Mode-Shooting für ein junges nachhaltiges Label

Holzsteg am See, leichter Wind, weiches Licht.
Das Model trug ein fließendes Kleid, die Farben waren pastellig, zurückhaltend – alles war eigentlich perfekt.
Aber auf den ersten Bildern passierte… nichts.

Also nicht wirklich nichts – sie waren „schön“, ja. Aber das war’s dann auch.
Keine Tiefe. Keine Spannung.
Ein Model mitten im Bild. Ein Steg im Hintergrund. Fertig.

Ich atmete kurz durch, ging einen Schritt zurück und betrachtete die Szene.
Und dann sah ich es: Das Geländer zog sich diagonal durchs Bild, perfekt im goldenen Winkel.
Ein kleiner Felsen im Hintergrund lag exakt auf einer Drittel-Linie.
Und das Model – wenn ich sie zwei Schritte zur Seite stellte – würde genau da stehen,
wo Bildarchitektur plötzlich funktioniert statt nur stattzufinden.

Ich veränderte nichts Großes.
Kein neues Setup. Kein Drama. Nur Schritte. Perspektive. Ruhe.
Und dann – plötzlich – stand sie richtig da.
Der Blick fiel automatisch von vorn nach hinten.
Der Körper führte durch das Bild.
Die Komposition war nicht laut, aber sie sprach.

Der Unterschied war subtil – aber spürbar.
Es war, als würde das Bild jetzt wissen, wo es hinwill.
Als würde das Auge nicht mehr suchen, sondern reisen.
Nicht nur sehen – sondern lesen.

An genau diesem Tag fiel mir wieder ein, wie viel Leonardo über Proportionen wusste.
Wie er den Betrachter führt – nicht zwingt.
Wie seine Bilder in sich ruhen, weil ihre Architektur stimmt.

Und ich dachte:
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen „knipsen“ und „komponieren“.
Ein gutes Bild beginnt nicht mit dem Druck auf den Auslöser,
sondern mit der Entscheidung, wo du stehst.
Und was du siehst.

3. Komposition & Goldener Schnitt

Was Leonardo tat:
Er nutzte die Gesetze des Goldenen Schnitts, der Proportion und der Perspektive, um harmonische und dynamische Bilder zu schaffen – lange bevor es Raster gab.

Was du als Fotograf daraus ziehst:
Komposition wird nicht dem Zufall überlassen.
Du denkst beim Setaufbau wie ein Maler: Vordergrund – Mittelgrund – Hintergrund.

Beispiel:
In einem Mode-Shooting stellst du dein Model nicht zufällig ins Bild, sondern auf einer Drittel-Linie, mit führenden Linien im Hintergrund. Das gibt Tiefe und Balance.