Warum joggen dir hilft besser zu fotografieren…

Written by Eric P.
Einleitung
Joggen hilft beim Fotografieren – oder: Warum Bewegung den Blick schärft
Wenn du denkst, Fotografieren sei eine rein kreative Tätigkeit, bei der es nur um Kameratechnik, gutes Licht und ein gutes Auge geht – dann hast du natürlich recht. Aber auch nicht ganz. Denn manchmal liegt das beste Bild nicht im Sucher deiner Kamera, sondern im Kopf. Und genau da kommt das Joggen ins Spiel. Oder das Radfahren. Oder das Schwimmen, das Yoga, das Wandern, das Hüpfen auf einem Trampolin – eigentlich alles, was deinen Körper in Bewegung bringt und deinen Geist mitnimmt.
Ich selbst bin kein geborener Läufer. Ich laufe nicht schnell, nicht weit, nicht jeden Tag. Aber ich laufe. Und jedes Mal, wenn ich mich auf den Weg mache, merke ich, dass da etwas passiert, das über den sportlichen Effekt hinausgeht. Etwas, das mit innerer Klarheit zu tun hat, mit Kreativität, mit einer Form von Wachheit, die ich anders kaum erreiche. Joggen ist wie ein Weckruf für mein Gehirn – und damit auch für meine Kamera. Denn Fotografieren, das merke ich immer wieder, beginnt nicht mit dem Drücken des Auslösers. Es beginnt mit dem Sehen. Und das Sehen wiederum braucht einen freien Kopf.
Joggen ist eine Art mentales Frühjahrsputzprogramm. Du fängst an, denkst noch an deinen überfüllten Posteingang, an die Steuererklärung, an den Einkauf, an den Streit gestern. Doch nach ein paar Minuten – der Körper ist warmgelaufen, der Atem hat seinen Rhythmus gefunden – passiert es: Der Lärm wird leiser. Die Gedanken werden einfacher. Plötzlich ist Raum da. Für neue Ideen. Für Beobachtungen. Für Details, die dir sonst entgehen würden. Und wenn du dann wieder die Kamera in die Hand nimmst, siehst du mit anderen Augen.
Es ist kein Zufall, dass viele große Künstler*innen Bewegung in ihren Alltag eingebaut haben. Haruki Murakami läuft Marathon. Beethoven machte Spaziergänge, die angeblich Stunden dauerten – und dabei notierte er seine musikalischen Einfälle auf kleinen Zetteln. Die Gedanken kommen leichter, wenn der Körper nicht stillsteht. Bewegung bringt innerlich etwas in Fluss. Und wer kreativ arbeitet, kennt das: Du kannst ein Problem im Kopf wälzen, so lange du willst – manchmal brauchst du einfach einen Schritt zur Seite. Oder nach vorne. Oder ein paar Kilometer in Laufschuhen.
Fotografie ist nicht nur Technik. Sie ist auch Gefühl. Aufmerksamkeit. Intuition. Und genau diese Fähigkeiten lassen sich trainieren – nicht nur durch Bildanalyse und Übung, sondern auch durch das, was mit dir passiert, wenn du dich bewegst. Wenn du joggst, lernst du, mit dem Moment zu arbeiten. Du spürst, wie deine Füße den Boden berühren, hörst deinen Atem, nimmst wahr, wie der Wind an deinen Armen zieht. Diese Präsenz, dieses ganz Im-Hier-und-Jetzt-Sein – das ist auch die Haltung, die du brauchst, wenn du fotografierst. Wer nur mit dem Kopf bei der Blende ist, verpasst oft das Wesentliche.
Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich das besonders stark gespürt habe: Ich war in einem kleinen Waldstück unterwegs, eine dieser typischen Joggingrunden nach einem langen Arbeitstag. Eigentlich hatte ich keine Lust, rauszugehen. Es war schon fast dunkel, ich war müde und hungrig. Aber irgendetwas trieb mich an. Und dann, kurz bevor ich umkehren wollte, sah ich es: das Licht. Wie es sich durch die Bäume brach, wie es den Dunst leuchten ließ. Ich blieb stehen, holte mein Handy heraus – und machte eines meiner Lieblingsbilder. Kein technisch perfektes Foto, aber eines, das Stimmung transportiert. Das erzählt, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Und ich bin überzeugt: Ohne den Lauf dorthin hätte ich ihn nicht gesehen.
Sport ist also nicht nur gut für den Kreislauf, sondern auch für den kreativen Kreislauf. Es ist eine Art Reset-Knopf. Ein Perspektivwechsel. Du entfernst dich vom Schreibtisch, vom Alltag, von der ständigen Reizüberflutung – und plötzlich tauchen Dinge auf, die vorher überdeckt waren. Ideen. Stimmungen. Farben. Vielleicht auch nur ein Gefühl für das, was gerade wichtig ist. Und genau das ist es doch, was gute Fotografie braucht: ein Gefühl für das, was jetzt zählt.
Noch etwas bringt Joggen mit sich: Geduld. Ausdauer. Den Mut, nicht sofort ein Ergebnis zu erwarten. Du lernst, dass der Weg zählt, nicht nur das Ziel. Dass du manchmal einfach loslaufen musst, ohne genau zu wissen, was kommt. Dass du Umwege machst, Pausen brauchst, neu ansetzt. Und all das gilt auch für die Fotografie. Manchmal ist das erste Bild nicht das beste. Manchmal musst du erst durch zwanzig mittelmäßige Aufnahmen durch, bevor du das eine Bild findest, das dich berührt. Und das ist okay.
Natürlich musst du nicht joggen, um gut zu fotografieren. Du kannst auch spazieren gehen, Fahrrad fahren, tanzen oder einfach nur tief durchatmen. Aber ich bin überzeugt: Wer seinen Körper bewegt, bewegt auch etwas in seinem Blick. Und wer sich regelmäßig die Zeit nimmt, aus dem Kopf in die Beine zu kommen, findet schneller den Weg zu besseren Bildern.
Vielleicht probierst du es mal aus. Nicht, weil du Kalorien verbrennen willst. Nicht, weil es auf irgendeiner Bucket List steht. Sondern weil es deiner Fotografie gut tut. Weil es dich wach macht für das, was du sonst übersiehst. Weil du beim Laufen vielleicht nicht nur deine Fitness steigerst, sondern auch deine Fähigkeit zu sehen, zu fühlen, zu staunen.
Denn letztlich geht es beim Fotografieren doch genau darum: Die Welt mit wachen Augen zu betrachten. Und dafür musst du manchmal einfach nur loslaufen.
