Produktshooting mit Agenturteam – Kreativität anzünden

Einleitung

Ein leerer Studioraum. Weiße Wände, weiße Hohlkehle, weißes Papier.

Nur das Licht ist gerade nicht ganz so weiß – denn du bist mitten im Umbau. Zwei Blitze werden neu gesetzt, ein Diffusor hängt schief, das Stativ klappert leise vor sich hin. Alle warten. Die Kamera ist noch auf der Seite. Und um dich herum: fünf Menschen. Drei aus der Agentur – Konzept, Text und Art Direction. Dazu der Kunde. Und ein Assistent, der schon wieder wissen will, welches Kabel du brauchst. Alle stehen herum, Hände in den Taschen, Blick aufs Handy oder in die Luft. Diese Art von Stille, die schwerer wiegt als zehn Minuten Regen beim Outdoor-Shooting.

Und dann – genau dann – brauchst du einen Impuls.

Ich atme tief durch, drehe mich zum Team, lehne mich locker gegen den Lichtständer und sage:

„Okay, Kreativtest: Wenn ihr jetzt in 30 Sekunden ein neues Parfum benennen müsstet – wie heißt es und wie riecht es?“

Pause. Verwunderte Blicke. Dann Gelächter. Und los geht’s:

„‘Urban Whisper‘ – riecht nach Regen auf Beton und Zitrone!“

„Ich sag: ‘Ego No. 9’ – mit Noten von Leder, Espresso und Drama.“

„Oh – ‘404 Not Found’ – neutral, aber mit digitaler Seele.“

Alle lachen. Die Stimmung kippt. Nicht in Richtung Chaos, sondern in Richtung Energie. Die Assistentin wirft ein: „Ich wette, das könnte man wirklich verkaufen.“ Und die Texterin meint: „Gib mir fünf Minuten, ich schreib den Slogan.“

Was vorher Stille war, ist jetzt Spiel. Was vorher Warten war, ist jetzt Flow.

Was da wirklich passiert

Auf dem Papier war das ein ganz normaler Umbau-Moment. Für viele Fotograf:innen der unbeliebteste Teil eines Shootings: Alle schauen zu, der Druck steigt, und du musst auf der Bühne der Konzentration auch noch gut aussehen. Genau hier aber liegt eine riesige Chance: Diese Leere will gefüllt werden. Und wie du sie füllst, entscheidet darüber, ob du als reiner Dienstleister wahrgenommen wirst – oder als kreativer Partner.

Denn seien wir ehrlich: Kreativteams bei Produktionen sind oft gestresst, überarbeitet, im E-Mail-Dauerfeuer. Und sie sehnen sich nach einem Moment echter Verbindung – nach Leichtigkeit, nach Spiel, nach dem Gefühl, dass sie nicht nur für Excel-Zeilen gebucht wurden, sondern für Visionen. Wenn du das lieferst, hebst du dich ab.

Die Parfumfrage ist dabei kein Gag. Sie ist ein gezielter Anstoß. Kreativität braucht manchmal keine Konzepte – sondern Fragen. Und diese eine Frage aktiviert sofort Vorstellungskraft, Sinnesassoziationen, Emotion, Sprache – und Teamgeist. Du führst das Gespräch, ohne zu dominieren. Du bietest Bühne, ohne zu belehren. Und du zeigst: Ich bin nicht nur hier, um die Lampe zu justieren – ich denke mit.

Smalltalk als Tool für Statuswechsel

Gerade bei Produktshootings ist die Rollenverteilung oft subtil hierarchisch. Die Agentur ist kreativ, der Kunde bezahlt, der Fotograf soll „nur machen“. Wenn du diese Erwartungshaltung nicht aktiv veränderst, bleibst du darin gefangen – obwohl du eigentlich viel mehr kannst. Deshalb ist Kommunikation ein strategisches Werkzeug, um dich neu zu positionieren.

Wenn du Fragen stellst, die andere zum Denken bringen, spielerisch forderst und dabei authentisch bleibst, wird dich das Team automatisch anders wahrnehmen. Du wirst zum Teil des Konzepts. Und das hat handfeste Vorteile: Deine Vorschläge zum Set werden ernster genommen. Deine Bildideen bekommen Gehör. Und du bist am Ende nicht nur der „Techniker mit Kamera“, sondern Co-Kreativer.

Das beginnt mit einem simplen Satz: „Wenn ihr in 30 Sekunden ein Parfum benennen müsstet…“

Zwischen Neugier, Spontaneität und Vertrauen

Diese Form von Interaktion funktioniert natürlich nicht, wenn du sie nur spielst. Du musst wirklich neugierig sein – auf Menschen, ihre Ideen, ihren Humor, ihre Assoziationen. Du musst zuhören können. Und du musst bereit sein, nicht die Kontrolle zu haben, sondern den Impuls. Das Ergebnis bleibt offen. Vielleicht sagt jemand nichts. Vielleicht sagt jemand etwas Banales. Vielleicht zündet der Funke nicht – beim ersten Mal. Aber wenn du offen bleibst, wird aus dem Raum ein Dialogfeld.

Und das ist die große Brücke zur Fotografie: Jedes gute Foto ist ein Dialog. Zwischen dir und dem Menschen, dem Objekt, dem Licht, der Stimmung. Und wenn du es schaffst, diesen Dialog vor dem Foto zu starten – mit Worten, mit Spiel, mit Fragen – dann fließt er viel natürlicher in das Bild hinein.

Das Wissen dahinter: Kreativität entsteht in Bewegung

Neurobiologisch ist längst bekannt: Kreativität wird durch Bewegung und soziale Impulse gefördert. Wenn Menschen lachen, ihre Perspektive wechseln, sich assoziativ bewegen, dann passiert im Gehirn genau das, was Ideen braucht. Bei der Parfumfrage geht es nicht ums Produkt – es geht um das gemeinsame Denken außerhalb der Briefing-Logik. Du holst das Team raus aus dem Excel-Mindset – und rein in den kreativen Muskel.

Und übrigens: Auch du selbst profitierst davon. Wenn du dir angewöhnt hast, solche Fragen in deinem Repertoire zu haben, wirst du selbst kreativer. Du lernst, Situationen zu lesen, Menschen zu aktivieren, und deine eigene Präsenz jenseits der Kamera zu stärken. Das ist Führung ohne Macht – mit Haltung.

Der Impuls zum Mitnehmen

Beim nächsten Shooting, das gerade stockt – sei es Umbau, Wartezeit oder kreative Pause – frag dich:

Wie kann ich das Team jetzt in Bewegung bringen – ohne Technik, sondern mit einer kleinen, schlauen Frage?

Vielleicht ist es diesmal nicht das Parfum. Vielleicht ist es:

„Welches historische Ereignis wäre ein guter Werbespot?“

Oder: „Wenn dieses Produkt ein Song wäre – welches Genre?“

Oder einfach: „Was war euer peinlichster Werbeslogan, den ihr je vorgeschlagen habt?“

Egal wie – sobald der Raum lacht, redet, spinnt – bist du angekommen. Als Mensch. Als Fotograf. Und als jemand, der den Unterschied macht.

Denn am Ende zählt nicht nur das Bild. Sondern der Moment davor. Und der kann, ganz ohne Filter, ganz schön leuchten.