Schaust du auch gerne “Wer wird Millionär ?”

Written by Eric P.
Einleitung
Warum Fotograf:innen eine gute Allgemeinbildung brauchen
Schnitt. Du stehst am Set. Gegenüber: ein CEO, eine Oscar-Preisträgerin oder ein Nobelpreisträger mit wachem Blick und gutem Gedächtnis. Du hast zehn Minuten, um Vertrauen aufzubauen, das Eis zu brechen – und aus einer Begegnung ein Bild zu machen. Was sagst du?
Wenn du jetzt denkst: „Na, über Licht reden!“ – denk nochmal. Die Wahrheit ist: In diesen Momenten hilft dir nicht dein Equipment. Nicht deine Kamera. Und auch nicht dein Lightroom-Preset. Sondern dein Kopf. Deine Allgemeinbildung. Dein Interesse. Deine Fähigkeit, in den ersten zehn Minuten ein Gespräch zu führen, das nicht peinlich still ist, sondern inspiriert.
Denn: 70 Prozent des Jobs finden vor dem eigentlichen Foto statt – in deinem Kopf, in deiner Haltung, in deinem Wissen.
1. Allgemeinbildung ist dein Softskill-Objektiv
Fotografie ist mehr als Technik. Sie ist Begegnung. Du arbeitest mit Menschen – und oft mit Menschen, die in ihrer Welt absolute Profis sind. Wenn du dich mit ihnen unterhalten willst, brauchst du keine Fachvorträge – aber ein solides Grundverständnis. Wirtschaft, Kultur, Geschichte, ein bisschen Philosophie, manchmal sogar Chemie – das öffnet Türen.
Wenn dein Gegenüber merkt: „Ah, da kennt sich jemand aus“, entsteht Respekt. Und Respekt ist die Grundlage für Vertrauen. Und Vertrauen ist das, was du brauchst, um ein gutes Porträt zu machen. Oder überhaupt ein gutes Gespräch.
2. Du brauchst kein Lexikon im Kopf – aber einen offenen Horizont
Allgemeinbildung heißt nicht, dass du jede französische Revolution rückwärts aufsagen können musst. Es heißt: Du bist neugierig. Du weißt ungefähr, was im Weltgeschehen passiert. Du kannst mitreden, wenn jemand über KI, Klimapolitik oder klassisches Ballett spricht.
Wenn du beim Shooting auf einen Dirigenten triffst und nur „Ah, Musik“ sagen kannst, wird das Gespräch schnell dünn. Aber wenn du sagen kannst: „Ich habe letztens ein Interview mit Barenboim gelesen, der sagte…“ – dann leuchten die Augen.
3. Allgemeinbildung ist wie Licht – du merkst sie erst, wenn sie fehlt
Wie schlechtes Licht ein Bild ruinieren kann, ruiniert fehlendes Wissen eine Begegnung. Du bist schnell außen vor, wirkst oberflächlich, uninteressiert. Und das lässt sich selten reparieren.
Man muss sich das klarmachen: Du bist manchmal der einzige Mensch, den diese Person heute trifft, der keine Presse ist, kein Manager, keine Security. Du bist der Blick hinter die Kulisse. Der Moment ohne Agenda. Wenn du da menschlich überzeugen willst, brauchst du mehr als Fachwissen – du brauchst Gesprächstiefe.
4. Gute Gespräche machen gute Bilder
Der Moment, in dem jemand aufhört, sich selbst darzustellen – und anfängt, einfach da zu sein –, ist Gold. Und oft geschieht das durch ein gutes Gespräch. Durch einen Satz, der hängen bleibt. Eine Frage, die überrascht. Eine Bemerkung, die schlau ist, aber nicht besserwisserisch. Das alles setzt voraus, dass du was in der Birne hast.
Ein CEO denkt: „Wenn der Fotograf mit mir über meine letzte China-Reise sprechen kann, dann kann ich mich fallen lassen.“ Und genau dann machst du das Bild, das später auf dem Cover landet.
5. Du arbeitest oft mit Menschen, die selbst „gebildet“ sind
Manager:innen, Künstler:innen, Professor:innen – sie bewegen sich in einer Welt voller Informationen, Austausch, Diskussion. Wenn du da mithalten willst, reicht es nicht, Netflix geschaut zu haben. Du brauchst eigene Gedanken, eigene Interessen, eigene Perspektiven.
Du musst nichts beweisen – aber du solltest auch nicht abfallen. Ein Fotograf, der belesen ist, wirkt souveräner. Gefragter. Ernstzunehmender.
6. Fotografieren heißt: Übersetzen. Und dafür musst du verstehen
Jede Person, die du fotografierst, bringt eine eigene Welt mit. Deine Aufgabe ist es, diese Welt in einem Bild zu erzählen. Dafür musst du zumindest grob verstehen, was diese Person bewegt. Und das geht nur, wenn du dich mit vielen Themen auskennst – nicht tief, aber weit.
Wenn du einen Klimaforscher porträtierst und keine Ahnung hast, was CO₂ eigentlich macht – dann wird dein Bild vielleicht technisch gut. Aber nicht bedeutungsvoll.
7. Allgemeinbildung ist kein Bonus – sie ist deine kreative Basis
Kreativität lebt von Assoziationen. Von Verbindungen. Von Querverweisen. Ein Bild wird stark, wenn du plötzlich merkst: „Ah, das erinnert mich an eine Szene aus Kubricks 2001.“ Oder: „Diese Farben fühlen sich an wie ein Rothko.“ Diese innere Bilderwelt entsteht durch dein Wissen, dein Sehen, dein Lesen, dein Hören.
Und das Schöne: Allgemeinbildung ist trainierbar. Du kannst sie dir aneignen. Jeden Tag ein bisschen. Eine Zeitung lesen. Eine Biografie hören. Ein Gespräch führen.
Fazit: Bildung macht dich als Fotograf*in souverän
Du musst kein Professor sein. Du musst nicht alles wissen. Aber du musst interessiert sein. Und bereit, dich zu bilden. Denn gute Fotograf:innen sind gute Beobachter. Und gute Beobachter sind fast immer auch gute Zuhörer, gute Fragesteller – und gute Gesprächspartner.
Also ja: Schau ruhig weiter „Wer wird Millionär?“. Nicht, weil du Millionär werden willst – sondern weil du neugierig bleibst. Weil du verstehen willst, was hinter den Fragen steckt. Weil du dich in Welten hineindenken willst, die du noch nicht kennst.
Denn vielleicht triffst du morgen einen dieser Menschen – vor deiner Kamera. Und dann zählen nicht nur deine Skills, sondern auch deine Sätze.
Und du wirst sehen: Ein kluges Gespräch kann das beste Licht sein, das du auf deinem Set hast.
